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Belgien

Heute mal etwas anderes. Heute mal Gedanken zu einem Land in dem ich Urlaub gemacht habe. Ein Land über das ich so gut wie nichts wusste, jetzt etwas mehr weiß, aber eigentlich mit mehr Fragen als Antworten zurückkam.

Anfangen möchte ich mit dem größten Kompliment, das ich einem Land geben kann: Der Nahverkehr funktioniert einwandfrei. Die Züge sind pünktlich, sauber und günstig. Die Schaffner sprechen mindestens drei Sprachen, sind hilfsbereit und das Ticketsystem ist selbsterklärend. Allein, dass der Nahverkehr in den Städten Flanderns (de Lijn) über dasselbe Ticket läuft ist einfach wunderbar.

Was mich verwirrt ist die Belgische Identität. Mir war bisher nicht klar wie sehr ich die Sprache mit dem Land gleich setze. In Italien spricht man italienisch, klar. Aber in Belgien? Man spricht Französisch und Flämisch, eine Art Niederländisch. Wie man jetzt Leute in Brüssel anspricht ist für mich ein ungeklärtes Rätsel. Englisch ist wohl die sicherste Alternative. Kurios.

Denn man sieht in Brüssel Menschen jeder erdenklichen Ethnie, man hört jede Sprache. Es ist metropolischer als New York, einfach weil es keinen gemeinsamen Nenner gibt. Aber ist es nicht eigenartig, wenn es ihn nicht gibt?

Andererseits ist es wirklich der perfekte Ort um Europa zu repräsentieren. Jede andere Hauptstadt wäre viel zu national. Stellt man sich nur vor, die EU Zentrale wäre in Berlin – das klingt doch schon falsch. In Brüssel gibt es keinen Anstoß, weil die belgische Identität nicht wahrgenommen wird. Es gibt zwei Bevölkerungen, die Flamen und die Wallonen, die teilen sich einen König (?) und eine Flagge, um national aufzutreten. Aber was die beiden verbindet? Keine Ahnung. Dafür sind beide Teile viel zu sehr damit beschäftigt sich von einander abzugrenzen. Man stelle sich vor die Schwaben und Bayern würden einen Nationalstaat ausrufen. Ich glaube, das würde sich ähnlich verhalten.

Betrachtet man Belgien mal historisch fällt einem auf, was für eine Wirtschaftsmacht auf diesem vergleichsweise kleinen Landstrich residiert. Städte wie Antwerpen, Brügge und Ghent waren zu verschiedensten Zeiten zentrale, weltumspannende Wirtschaftsmächte. Bis heute werden 80% der Rohdiamanten in Antwerpen umgeschlagen. An mir ist dieser Teil europäischer Geschichte völlig vorbei gegangen. Falls jemand historische Literatur zu diesem Thema empfehlen kann, sehr gerne. Denn wenn man durch Brügge läuft wird plötzlich erfahrbar, wie sich dieses mystifizierte, heroisierte und romantisierte Mittelalter angefühlt haben muss.

Belgien hat mir ein ganz neues europäisches Zusammenhalts-Gefühl vermittelt. Ich kann es schwer beschreiben, aber durch dieses ungreifbare Belgien lernt man die gemeinsame, turbulente Geschichte Europas noch mehr zu schätzen. Man hat kein greifbares Bild wie: Deutsche (Nazis!), Italiener (Römer!), Franzosen (Napoleon!). Es ist viel mehr ein gemeinsamer Wertekatalog, der sich in einer Stadt wie Antwerpen manifestiert. Viele verschiedene Ethnien machen gemeinsame Sache. Jeder macht sein Ding, aber alle wollen das Beste für die Gemeinschaft. Alle profitieren.

Und so ergibt sie sich also Die Europäische Union. Sie ist schwer zu greifen, unmöglich auf einen Nenner zu kriegen und doch haben wir sie. Erst jetzt verstehe ich die Tragweite dieser Institution. Wir sollten sie ehren und unterstützen. Und viele viele Sprachen lernen. Denn unser Vorteil in Europa ist die angebotene Vielfalt von der wir schöpfen dürfen. Es wäre eine Schande dies nicht zu nutzen.

Brügge, Foto von  Kevin Mueller  auf  Unsplash

Brügge, Foto von Kevin Mueller auf Unsplash

Felix Koutchinski